Ich habe lange überlegt über das Thema Catcalling zu schreiben. Noch immer bin nicht sicher ob es okay ist, meine Erfahrungen öffentlich zu machen. Nicht, weil ich nicht weiß, dass meine persönlichen Gefühle vollkommen okay und valide sind. Sondern weil es die aller Personen, die schreckliche andere Erfahrungen machen mussten, nun mal auch sind. Deswegen vorher ein ausdrücklicher Disclaimer:

Ich möchte nichts verharmlosen und verschließe auch nicht die Augen vor dem, was anderen Frauen täglich passiert. Ich bestreite weder die Relevanz der Kämpfe, die um das Thema Übergriffigkeit und Sexismus geführt werden, noch deren Anlässe. Ich bin mir bewusst, dass Übergriffe ständig passieren und es für Betroffene keinen Schutz dagegen gibt.

Weiterer Disclaimer: Ich spreche im Folgenden oft von „ihm/er“, also männlichen übergriffigen Personen. Selbstredend gibt es in diesem Zusammenhang aber auch weibliche oder non-binäre Akteure. Ich versuche jedoch möglichst nah an meinen eigenen Erfahrungen zu bleiben.

Außerdem spreche ich eine Trigger Warnung aus: Wenn die Themen Catcalling, Übergriffigkeit und (sexuelle) Belästigung für dich schwierig sind, solltest du besser nicht weiterlesen. Denn ich bin leider nicht die Beste, wenn es darum geht, behutsame Worte zu wählen.

Not all women

Sicher kennt ihr die berühmte Phrase “Nicht alle Männer”/”Not all men”, die immer wieder angeführt und diskutiert wird. Auf genau diese möchte ich mich in diesem Artikel beziehen und sagen: Nicht alle Frauen.

Ich traue mich fast gar nicht es auszusprechen oder zu schreiben. Aber selbst, wenn ich tatsächlich die einzige Frau auf diesem Planeten sein sollte, die so denkt, dann stimmt es, wenn ich sage: Nicht alle Frauen haben Angst vor einem dunklen Heimweg. Nicht allen Frauen vermeiden es, nachts mit der U-Bahn zu fahren. Nicht alle Frauen fühlen sich durch unerwünschtes Anmachen eingeschüchtert. Nicht allen Frauen widerfährt regelmäßig Catcalling. Ich fühle mich als Beispiel dafür.

Ich höre einige von euch schon rufen: “Schön für dich! Aber genug anderen geht es so! Wenn du es selbst nicht erlebst, kannst du gar nicht verstehen wie schlimm das ist!” Wie komme ich überhaupt darauf solche Aussagen zu treffen? Oder mich überhaupt mit Catcalling zu befassen, wenn es mich scheinbar gar nicht betrifft?

Was versteht man unter Catcalling?

Erst einmal möchte ich differenzieren worum es gehen soll. Hier also die Definition:

Unter Catcalling werden sexuell konnotierte Verhaltensweisen bzw. verschiedene Arten der sexuellen Belästigung ohne Körperkontakt zusammengefasst.

Es geht mir also in diesem Artikel nicht um das Erleben von (sexualisierter) Gewalt, körperlicher Übergriffigkeit und sexuellen Grenzübertretungen. Denn damit habe auch ich, wie so viele andere Frauen, schon Erfahrungen machen müssen. Jedoch nie von Fremden, auf offener Straße oder in dunklen Gassen. In fast 30 Jahren weiblichem Existierens sind mir diese Dinge nur innerhalb von Beziehungen und engen Kontakten begegnet. Als Kinder haben wir Angst vor den Monstern unter dem Bett. Als Frauen schlafen wir manchmal freiwillig bei ihnen. Aber das ist ein völlig anderes Thema, das definitiv meine Kompetenzen als Autorin übersteigt.

Wovon ich euch erzählen möchte, sind meine Erfahrungen im Alltag, mit Fremden und meinem Umgang mit beängstigenden Situationen. Es soll um Catcalling gehen. Um Anmachen, übergriffiges Verhalten in Clubs und in der Öffentlichkeit. Nachrufen, Hinterherpfeifen, Hupen, sexuell motivierte Kommentare Fremder. Nachstellung und Zunahekommen.

Wieso passiert mir so selten Catcalling?

Wenn ich mich unterhalte, höre ich erschreckend oft, wie häufig sich Frauen in der Öffentlichkeit in bestimmten Situationen unwohl fühlen. Der einen wird an jeder Baustelle hinterhergepfiffen. Einer anderen wird im Club an den Hintern gefasst. Die Nächste fährt nachts nicht mehr U-Bahn, seit sich ein Typ im menschenleeren Wagon direkt neben sie gesetzt hat. Auf meine Frage “Warum hast du nichts gesagt?” kommen für alle dieser Szenarien ähnliche Antworten: Ich hatte Angst. Ich wollte den nicht noch provozieren. Das wäre nur eskaliert. Ich nicke verständnisvoll und frage mich: Hätte ich selbst anders reagiert? Hier schlägt sie zu, die seltsame Erkenntnis: Ich komme irgendwie recht selten in derartige Situationen.

Typisch Frau ist mein erster trauriger und etwas abartiger Gedanke: Vielleicht bin ich für Catcalling einfach nicht attraktiv genug. Bei näherer Betrachtung können wir sagen: Okay, dass ich sonntags morgens auf dem Weg ins Gym, mit fettigen Haaren und hängender Visage nicht sofort aufgefordert werde, in eine Großfamilie einzuheiraten, verstehe ich. Aber ich bin ja auch oft genug ganz ansehnlich zurecht gemacht. Mehr noch: Ich mag kurze Shorts, enge Tops, bauchfrei und den ganzen billigen Kram, für den unserer Vorfahrinnen kämpfen mussten. Kleidungsstücke, die oft als Einladung empfunden werden und von denen klar sein sollte: Sie sind definitiv keine. Trotzdem: Warum fühlt sich so selten jemand dazu eingeladenmich zu belästigen?

Haben die mehr Angst vor mir, als ich vor denen?

Wenn ich das im Kreise meiner Freudinnen frage, bekomme ich meistens die Erklärung. “Na, du strahlst das schon aus, dass du nicht so leicht einzuschüchtern bist.” Oder: “Die haben bestimmt Angst vor dir.” Denn: “Du bist so groß. Bestimmt liegt es da ran.” Ich versuche, das zu verstehen, antworte dann: „Hmm ja, das kann sein.“ Aber eigentlich kann das doch so gar nicht sein.

Legen wir mal die Fakten auf den Tisch. Ja, ich bin fast 1,80 groß. Ich bin ein Riese. Oh mein Gott neben dir bin ich so klein. Du stammst doch von den Giraffen ab. Ach du meine Güte BIiSsDT DU GROSsSS … Ja. Wir haben es kapiert. Aber Sherlock, du wirst es kaum fassen können, aber es gibt echt Männer da draußen – nicht viele, aber auch mehr als die 4 die ich schon gefunden habe – die sind sogar größer als ich. Dazu kommt, dass ich auf diese 180 Zentimeter Mensch, die ich aufs Maßband bringe ungefähr 65 Kilo Kampfgewicht vorweisen kann. Ich schaffe dabei weder einen Klimmzug, noch ein Liegestütz und habe auch ansonsten die Reflexe eines toten Marders. Ich bin also rational betrachtet in etwa so gefährlich wie ein Papierstrohalm, kurz vor Ende eines 0,5 L Gin Tonic.

Es gibt keinen Schutz vor Catcalling

Es kann also nicht an meinem äußeren Erscheinungsbild liegen, dass mir selten Catcalling widerfährt und ich mich eigentlich nie bedroht fühle. Oft wird mir aber auch gesagt: “Du strahlst das aus.” Wie strahlt man denn aus, dass man nicht belästigt werden will? Und strahlen dann alle anderen Frauen um mich herum aus, dass es bei ihnen völlig okay ist ihnen penetrant nachzustellen? Das ein anderes Individuum deine “Angst spürt” kenne ich eigentlich nur aus der Tierwelt und den Orks von Herr der Ringe. Gut, es gibt Köpersprache. Aber auch damit ist es sehr paradox. Einerseits hört man oft das potenzielle “Nachsteller” (ich scheue mich ein bisschen an dieser Stelle das Wort “Täter” zu benutzten und frage mich, warum das so ist) sich eher an Personen halten, die leicht einzuschüchtern wirken. Unsichere Blicke, nervöse Gesten usw. Erregt aber nicht andererseits eine Person, sie sich groß macht und sicheren Schrittes durch den Club läuft, Fremde nach Feuer fragt und laut spricht nicht genauso viel Aufmerksamkeit?

Ich kann nicht in die Köpfe von Menschen reinschauen, die anderen unangebrachte Kommentare nachrufen oder ungewollt Körperkontakt aufnehmen. Aber ich glaube nicht, dass ein bestimmtes Verhalten oder nicht-Verhalten davor schützt oder mehr dazu einlädt belästigt zu werden. Bevor ich weiter versuche zu ergründen, warum ich in manchen Situationen so untypisch angstbefreit bin, muss ich nochmal kurz differenzieren, von welchen Arten von Catcalling ich mich betroffen fühle – oder eben auch nicht.

Catcalling Online

Allen voran wäre das mal das Internet. Dieser kleine Kasten in meiner Hand, der schon öfter Worte wie Hure oder Schlampe zu mir gesagt hat, als die 187 Straßenbande in ihrer gesamten Discografie. Obwohl ich mich wirklich zu den Personen zähle, die Instagram und Co. sehr exzessiv benutzen, juckt mich Catcalling via Social Media reichlich wenig. Nichts ist leichter eine beleidigende Nachricht einfach zu ignorieren oder zu löschen. Selbst wenn ich darauf reagieren will, ist das mit keinerlei Risiko verbunden, da mir die Person nicht gegenübersteht.

Genauso leichtfertig, wie du mir schreiben kannst, ich brauche es wohl mal besorgt, bei den Bildern, die ich poste und das Ganze mit einem Dickpic ergänzt, kann ich dir antworten: Stimmt, aber dafür suche ich mir meistens einen Mann, und keinen verstümmelten Erdzwerg. Natürlich nerven solche Nachrichten trotzdem. Vor allem wenn Kommentare öffentlich erfolgen. Aber tatsächlich bin ich einerseits abgestumpft und andererseits eben große Freundin des Löschen- und Blockieren Buttons.

Hupen und Nachrufen – Ganz schön pfiffig

Okay okay, zu sagen, dass mir noch nie jemand hinterhergepfiffen oder mich angehupt hat, würdet ihr mir nicht glauben und das wäre auch gelogen. Tatsächlich ist spontanes Catcalling, Momentaufnahmen die im nächsten Augenzwinkern schon wieder vorbei sind, das, was mir am häufigsten passiert. Für die Hup-Pfeif-Rufenden ist das ganze ja auch eine sichere Nummer – und irgendwie genauso sinnfrei wie sicher. Ich werde nie verstehen, warum man eine Frau im Vorbeifahren anhupen muss. Wenn du nicht an der nächstens Ecke in eine Hauswand krachst – was dir zu wünschen wäre – siehst du mich nie wieder! Wenn du mit 60 innerorts in deinem tiefergelegten BMW unterwegs bist, siehst du ja noch nicht mal meine Reaktion!

Ein klares Indiz, dass es bei derartigem Catcalling nicht um einen Flirtversuch oder Interesse geht. Jemand, der einer Frau hinterherpfeift, denkt sich davor/dabei nicht: “Wie wird sie wohl reagieren? Ich bin ganz gespannt!” Würde Herbert, 50, Gas-Wasser-Scheiße-Installateur in seiner Warnweste so weit denken können, würde es nämlich vermutlich gar nicht erst zum Pfiff kommen. Deswegen erlebe ich persönlich solche Übergriffe auch nicht als bedrohlich. Es geht hier nicht um eine Reaktion. Ich spüre keinen Druck, handeln zu müssen.

Hunde die hupen, nerven nur

Außerdem kommt mir niemand zu nahe. Die Situation ist eigentlich in der Sekunde vorbei, in der sie passiert. Ich kann nachvollziehen, dass anderen Catcalling in Form von Nachrufen sehr unangenehm ist, vor allem wenn es sich um sexualisierte Kommentare handelt. Denn diese sind genau wie jede andere Form von Catcalling übergriffig und nicht vertretbar. Meine Erfahrung haben mich jedoch gelehrt, dass hier keine Gefahr für mich besteht – nochmal: Das ist mein subjektives Gefühl gegenüber der Situation. Jede:r andere darf/soll das für sich neu beurteilen. Mich nervt diese Art von Catcalling. Aber ich habe keine Angst davor.

Eine kleine Ergänzung noch zum Thema Pfeifen und Nachrufen. Wenn ich gerade in Stimmung bin, rufe ich auch sehr gern mal zurück. Pfeifen und sexualisierte Kommentare sind beleidigend. Also habe ich in meinen Augen das Recht zu kontern. Je derber und assozialer mein Konter ausfällt, desto sicherer kann ich sein, dass ich an DIESER Baustelle nicht mehr angepfiffen werde. Für viele Männer verliert eine Frau mit langen Beinen im rosa Sommerkleid nämlich deutlich an Sexappeal, wenn sie dich als degenerierte Sacknaht bezeichnet.

Clubs, Bars, Nachtleben – Das Catcalling Eldorado

Nightouts mit den Girls scheinen ein Mienenfeld für Catcalling zu sein. Geht man abends weg, geht es, wenn wir es mal auf das westliche und ganz primitiv reduzieren um drei einfache Dinge: Saufen, Musik und Bumsen. Saufen, damit geht Spaß und Loslassen einher. Musik sortiert die Klientel mit dem wir uns umgeben wollen und sorgt für die Stimmung. Und dann geht es eigentlich ob Single oder nicht sehr viel ums Sehen und Gesehenwerden. Ich sage das weder abwertend, noch empfinde das als unangenehm.

Vorsicht, mit der nächsten Aussage lehne ich mich weit aus dem Fenster: Wenn ich nicht angeschaut oder als attraktiv wahrgenommen werden möchte – und sei es auch nur von meinen Freundinnen – warum gebe ich mir dann genug Mühe mit meinem Äußeren um mich auf Partys wohl zu fühlen? Blicke (wenn dem Bre nicht gerade schon der halbe Waschlappen aus der Kauleiste hängt, er sabbert oder mit dem Finger guckt) empfinde ich nicht aus übergriffig. Andere Personen äußerlich wahrzunehmen, vor allem, wen wir sie attraktiv finden, liegt in unserer Natur. Zumal der Betrachter ja vom puren Anschauen ja noch gar nicht weiß, ob er/sie bei dir eine Chance hat oder nicht.

Nicht ALLES ist Catcalling

Wenn es also für viele Nachtclub-Besucher:innen darum geht jemanden kennenzulernen, dann ist klar, dass es nicht bei Blicken bleiben kann. Mich hat zumindest noch keiner wortlos in sein Bett gestarrt. Findest du es bereits übergriffig, wenn ein Mann im Club auf dich zukommt, sich aufgrund der Lautstärke näher zu dir beugt (ohne dich zu berühren) und dich fragt, ob du etwas trinken willst? Oder dir sagt, dass du echt toll aussiehst? Falls ja, hätte ich eine Frage: Wie zum verfluchten Affenarsch soll er es denn sonst machen in einem verschissenen lauten Nachtclub? Soll er eine Flasche Dom Perignon auf seiner Nasenspitze balancieren und dir seine Handynummer draußen in den Schnee pissen? Soll er dir vorher einen Zettel zuwerfen oder bei der Klofrau nach einem Strauß Rosen fragen? Irgendwie muss er es doch anstellen! Wenn wir jeden Blick, jeden Spruch und jede Anrede als übergriffig deklarieren, dann wird es wohl demnächst nur noch online Dating geben.

Solange ich die Kontrolle habe…

Leider gibt es nichtsdestotrotz auch Anmachen, die sicherlich nicht übergriffig gemeint sind, aber dennoch so empfunden werden. Bei mir fängt das an, wenn man mit dem Finger auf mich zeigt. Ich kann euch nicht sagen warum. Aber obwohl das nicht körperlich übergriffig ist und auch erstmal nicht offensiv scheint, setzt es da bei mir aus. Ich erkläre mir das damit, dass die Person nicht mit mir in Interaktion tritt, sodass ich mich wehren könnte. Sondern auf Abstand bleibt und mir somit die Möglichkeit nimmt Grenzen zu ziehen. Solange ich nämlich sicher bin, dass ich entscheiden kann, was passiert und was nicht, fühle ich mich auch in Club immer sicher.

Tattoos – Mein Catcalling Magnet

Ein Beispiel passiert mir aufgrund meiner Tätowierungen häufig. Jemand sagt: „Wow, tolle Tattoos“ und fasst mich dabei auf der nackten Haut, z. B. am Arm oder Rücken an. Diesen Übergriff empfinde ich (!!) persönlich (!!) nicht als bedrohlich, da er mir (!!) wenig sexuell und auch nicht böswillig scheint. Vielmehr kennt hier jemand seine und meine Grenzen nicht.

Antworte ich dann relativ ernst: „Gucken tut man mit den Augen“ oder „dafür brauchst du mich aber nicht anfassen“ ist das Gespräch und die ganze Situation meistens beendet. Dem Berührer ist es vielleicht jetzt selbst unangenehm. Er fühlt sich durch seinen Fehler und meinen Hinweis nicht mehr in einer guten Ausgangslage für einen Flirt und zieht sich zurück. Oft bekomme ich sogar eine Entschuldigung und damit ist das Thema dann auch gut. Mit viel Glück wird er sich das ganze merken und die nächste tätowierte Person nicht mehr ungefragt anfassen.

Eine weitere Situation, prädestiniert für Catcalling und oft unklar ist der Dancefloor. Mit Alkohol im Blut und bei schummrigem Licht ist manchmal schneller Körperkontakt hergestellt, als einem lieb ist. Hier finde ich muss man unterscheiden zwischen „Antanzen“ und „Grabschen/Streicheln/Festhalten/Berühren“. Letztes ist mir tatsächlich noch nie gegen meinen Willen passiert, anscheinend bildet die tätowierte Giraffenfrau mit der großen Klappe hier wieder die Ausnahme. Antanzen ist für mich solange okay, wie man dem ganzen aus dem Weg gehen kann und das auch akzeptiert wird.

Eine sehr lustige Anekdote aus meiner Vergangenheit zeigt übrigens deutlich, wie unverschämt unempfänglich ich für Catcalling im Club bin: Ein stämmiger Typ, der Ali Bumaye nicht ganz unähnlich sah, kam auf mich zu. Er fragte ganz unverblümt: „Ey, gehst du mit auf Klo?“. Meine Antwort war: „Oh, ne ich muss grad nicht.“ Peinlich lange habe ich nicht verstanden, was er wirklich wollte.

Nachts allein im Dunkeln

Die letzte Situation, die vielen Frauen (und bestimmt auch manchen Männern und non-binäre Personen) auch ohne Catcalling schon unangenehm ist, ist der Heimweg. Oder jeder andere Weg, den wir zu Fuß oder mit den Öffentlichen allein nach Einbruch der Dunkelheit zurücklegen. Warum ist evolutionär leicht erklärbar. Darüber hinaus sind spät abends weniger Menschen unterwegs, die uns im Falle eines Übergriffs schützen könnten. Die Wenigen, die unterwegs sind, sind dafür manchmal alkoholisiert. Kein Wunder, dass Frauen schon von klein an beigebracht wird: Geh nicht allein nach Hause. Sei Vorsichtig. Nachts allein auf der Straße ist es gefährlich.

Ich möchte im Folgenden wirklich niemanden „motivieren“ weniger vorsichtig zu sein oder Bedenken klein reden. Es gibt unzählige Fälle und Beweise dafür, dass unsere Angst vor dem dunklen Nachhauseweg berechtigt ist. Aber ich möchte erklären, warum ich ohne Angst allein nach Hause finde und euch meine Gedanken erzählen.

Mein Angst ist abstrakt

Zuerst einmal liegt meine fehlende Angst natürlich daran, dass ich noch nie eine beängstigende Erfahrung machen musste. Catcalling passiert mir natürlich auch hier. Wenn ich in kurzen Shorts an der U-Bahn stehe, wird mir auch mal etwas zugerufen. Aber wie bereits oben erwähnt, fühle ich mich davon nicht unbedingt eingeschüchtert. Mir ist es allerdings – anders als anderen Frauen – bisher noch nie passiert, dass ich bedroht, festgehalten oder mir hinterhergelaufen wurde. Ich habe davor also etwa die gleiche Art von Angst, wie vor Dingen, die Frauen in Horrorfilmen passieren.

Eine weitere goldene Regel, die mich etwas sicherer auf dem Nachhauseweg macht ist: Ich gehe nur dann allein nach Hause, wenn ich nicht zu viel getrunken habe. Bin ich zu wie eine Sparkasse am Sonntag, macht es wenig Sinn, im Dunkeln durch die Gegend zu eiern. Weiß ich, dass ich noch einen Heimweg vor mir habe, übernehme ich also zumindest so viel Verantwortung für mich selbst, dass ich nur so viel trinke, wie eine Teilnahme als Fußgänger am Straßenverkehr zulässt. Nein, alkoholisierte Opfer sind natürlich nicht selbst schuld. Darum geht es nicht. Es geht darum wie sicher ICH mich fühle, sodass ich keine Angst habe.

Angst wird uns anerzogen – genau wie Mut

Oft liegen die Gründe für unser Verhalten in unserer Kindheit. Ich weiß zum Beispiel noch, dass es mich einmal furchtbar geärgert hat, als mir gesagt wurde, ich soll mich von der Party im Jugendzentrum bitte von einem meiner Freunde heimbringen lassen. Meine Meinung dazu war in etwa: „Achso, ich bin also selbst nicht in der Lage auf mich aufzupassen. Deswegen ist es euch lieber irgendein Typ, den ihr gar nicht kennt läuft 3 Kilometer lang mit mir einen dunklen Waldweg entlang?“ Das hat damals für mich wenig Sinn ergeben.

Was mir in meiner Kindheit viel mehr geholfen hat selbstsicher zu sein, war, dass ich schon sehr früh alleine in der Öffentlichkeit war. Ich bin mit 10 das erste mal allein geflogen und mit 12 schon oft mit der S-Bahn durch die Gegend gefahren. Mit 14 bin ich überall hingekommen wo es Gleiße und Busse gibt – ohne, dass mir jemand die Verbindung rausgesucht hat. Das man mir hier vertraut hat, hat mich gestärkt. Ich hatte keine Angst, dass ich einen Bus verpasse oder ein Zug ausfällt. Ich wusste, dass ich immer irgendwie nach Hause komme. Man hat mir das zugetraut. Also wusste ich, ich kann das.

Vertrauen schafft Sicherheit

Natürlich gab es trotzdem immer gewisse Sicherheitsvorkehrungen. Die Erste, an die ich mich erinnern kann war folgende: Als ich in der ersten Klasse als Schlüsselkind von der Schule nach Hause gehen musste, sollte ich sobald ich im Haus war immer einmal kurz bei meinem Vater anrufen. Selbst wenn er in wichtigen Meetings war und ich nur anklingeln lassen konnte. Ein verpasster Anruf um kurz nach 13 Uhr war das Signal, das alles in Ordnung ist. Genau wie man mir damals mit 6 Jahren vertraut hat, so wünsche ich es mir auch heute.

Der Sicherheitsmechanismus ist ähnlich. Wenn ich feiern bin, fragt mein Freund nicht, wie ich nach Hause komme. Er vertraut mir, dass ich einen sicheren Weg finde. Ich gebe dann einfach nur kurz Bescheid mit einem “Bin Zuhause”. Dieses Vertrauen und dass er keine Angst um mich hat gibt mir ein gutes Gefühl. Würde mir ständig jemand sagen: „Nein, mach das nicht!“ Oder: „Ich habe aber Angst um dich!“ würde mir das nur eins zeigen: Du glaubst also nicht, dass ich selbst verantwortungsvolle Entscheidungen für mich treffen kann? Wenn ich keine Angst um mich habe, brauchst du sie auch nicht haben.

I got 99 Problems but Catcalling ain‘t one

Im Endeffekt gibt es keinen rationalen Grund, warum ich mich sicherer als andere Frauen fühle. Nein, ich halte mich nicht für eine besondere Schneeflocke, der nichts passieren kann. Ich habe vielleicht einfach nur Glück und vielleicht gehört es sich auch in Anbetracht der vielen Frauen, denen Schreckliches widerfahren ist nicht, so einen Artikel zu schreiben. Aber wir sagen doch immer so schön, dass jede Stimme gehört werden will. Das jede Geschichte zählt. Das hier ist also meine. Ich habe keine Angst. Weder vor Catcalling noch vor U-Bahnfahrten im 4 Uhr morgens.

Angst macht mir hingegen die Vorstellung, mich einschränken zu müssen. Wegen dem, was die Gesellschaft uns Frauen antrainiert. Mach lieber nicht den Mund auf, denn du bist am Ende unterlegen. Geh lieber nach Hause solange es noch hell ist. Betrunkene Männer sind gefährlich. Viele Frauen fühlen sich bedroht (zurecht). Viele. Aber nicht Alle. Ich fühle mich nicht bedroht. Deswegen bin ich bestimmt nicht mutiger oder leichtsinniger als andere. Ich verschließe auch nicht die Augen vor dem was da draußen abgeht. Ich habe nur keine Angst vor etwas, bevor es mir überhaupt passiert. Denn Angst ist eines der irrealsten Dinge auf dieser Welt. Sie existiert nur in unseren Köpfen.

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